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Zum Tod von Robin Williams & Vom Überwinden der Ausweglosigkeit

Mir ist wichtig, über dieses Thema zu schreiben. Es in die Mitte unserer Gesellschaft zu stellen. Den Umgang mit Traurigkeit, Depression, Angst und den Gedanken, nicht mehr leben zu wollen. So kommt Licht und Luft an die Sache - hilfreiche Bestandteile für Verständnis und Heilung.

Unerwartet traf mich am Montag die Nachricht über den Tod von Robin Williams. Fassungslosigkeit über seinen Suizid spürte ich und auch Mitgefühl: Wie verzweifelt muss er gewesen sein? Er, der Mensch, der gleichzeitig so vielen Menschen Freude machte, sie zum Lachen brachte, zum Weinen und Nachdenken. Eine so feinsinnige und tiefsinnige Seele.

Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Nur, weil jemand sehr fröhlich sein kann, heißt das nicht: Er kann nicht auch sehr traurig sein. Ich glaube eher, es schließt sich ein. Traurigkeit und Fröhlichkeit. Zwei Pole, die nah bei einander liegen können. Vereint in einem Menschen, aber auch vereint in einer Situation. Jeder kennt vielleicht den glücklichen Moment, wo man kurz zuvor noch tränenüberströmt mit einem Witz oder einem netten Spruch aus einer traurigen Situation geholt wird und lacht, laut lacht über das ganze Gesicht. Dieser Moment wandelt die Stimmung blitzschnell. Doch manchmal gibt es diese Spontanheilung nicht, es braucht etwas mehr an Unterstützung, um wieder das Licht zu sehen und Hoffnung zu haben.

Ich wünsche mir sehr, dass der Tod von Robin Williams einen Sinn macht. Zum Beispiel, dass mehr über Depressionen, Ängste, Süchte und Suizidgedanken gesprochen wird. Das ist auch ein Grund, warum ich hier darüber schreibe. Dass die psychischen Nöte und das "Nicht-Völlig-Funktionieren-und-Perfektsein" von Menschen nicht länger als Tabu oder Makel gelten. Sondern als normale Bestandteile unserer Gesellschaft, die dazu gehören wie Fußballfieber, Regenbogenliebe und Zähneputzen. Jeder ist wertvoll und liebenswert. Dafür braucht man nicht super aussehen, weder viel Geld verdienen, noch besonders angesehen sein oder beliebt oder x Statussymbole sein eigen nennen. Nein: Wir sind alle liebenswert und wertvoll. Einfach weil wir da sind und weil wir sind. So wie wir jetzt sind. Mit all unseren Licht- und Schattenseiten. Jeder ist vollkommen.

Wussten Sie, dass es in Deutschland viel mehr Suizidtote gibt als Verkehrstote? Nein? Das wissen die meisten nicht. Ich erfuhr es während der Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie und war geschockt. Warum weiß das keiner? Das liegt unter anderem am Pressekodex, einer Verhaltensrichtlinie zur zurückhaltenden Berichterstattung über Suizide. Der Einfluss der Medien auf Selbsttötungen wurde wissenschaftlich nachgewiesen, z.B. weil es schnell zur Identifikation und Nachahmung kommen kann. Daher die zurückhaltende Berichterstattung. Suizidprävention Deutschland hat einen Flyer mit Informationen für Medien heraus gegeben.

Ich finde den Pressekodex sehr wichtig, aber es darf nicht dazu führen, gar nicht über die Problematik zu schreiben. Das führt meines Erachtens zum Verschweigen der Nöte, die Menschen ausstehen, wenn sie sich mit Selbsttötungsgedanken quälen. Für die Betroffenen selbst erweckt es schnell den Eindruck, nur selbst unter diesen Gedanken und den Folgen zu leiden.

Wer den Wunsch hat, nicht weiter weiter wie bisher leben zu wollen, braucht Verständnis und Mitgefühl und einen Raum, sein zu dürfen. Die Erlaubnis, mit diesen Gedanken auf dieser Welt gewollt zu sein, mit seinen Nöten, Ängsten und Depression. Dazu gehört, über diese Themen zu berichten, ihnen den Mantel des Tabus zu nehmen und Luft ranzulassen. Menschen mit viel Traurigkeit und Ausweglosigkeit einen Platz zu geben. Mitten in unserer Gesellschaft.

Übrigens haben die meisten Menschen in ihrem Leben den Gedanken nicht mehr leben zu wollen. In der Regel gehen diese Gedanken wieder.

Warum ausgerechnet Robin Williams? Humor, Fröhlichkeit, Liebenswürdigkeit, ein großes Herz, Talent ... so viele Begriffe fallen mir ein. Und mir fällt ein Junge ein, der sich das Leben nahm, als ich Teenager war. Ich kannte ihn aus der Nachbarschaft, er war dort öfter bei seinem Cousin zu Besuch und verbrachte mit uns die Sommerferien. Keinen kannte ich, der so gut Witze erzählen konnte wie er. Was war er fröhlich und lustig. Ich mochte ihn. Ausgerechnet er - verließ sein Leben. Ich habe es damals nicht begriffen. So gerne hätte ich seine Geschichte gehört, sein Warum, seine Sorgen und ihm zugehört, Mut gemacht, zur Seite gestanden und ihn unterstützt, Alternativen zu finden.

So geht es mir auch mit Robin Williams. So gerne hätte ich diesem Menschen zur Seite gestanden, etwas zurück gegeben von dem, was er mir mit seinen Filmen, der Verkörperung seiner Rollen geschenkt hat. Heute bleibt mir nur die Traurigkeit und der Impuls, über das Thema hier in meinem Blog zu schreiben.

Ich fühle mit den Angehörigen von Robin Williams und mit allen anderen Angehörigen und Freunden von Menschen, die sich das Leben nahmen.

Ich fühle mit jedem Menschen mit, der traurig ist, ängstlich, überfordert oder sich hilflos fühlt. Ihr seid nicht alleine, es gibt Menschen, die euch zuhören und zur Seite stehen, einen Weg zu finden, damit es euch im Leben wieder besser geht. Und wenn es auch Menschen gibt, die kein Verständnis haben oder abwertend sind: Dieses Verhalten hat mit den Menschen selbst zu tun, die sich äußern. Es hat nichts, aber auch gar nichts mit euch und eurer Wertigkeit zu tun. Jeder und jede von uns ist ein wichtiger, wertvoller und gewünschter Bestandteil dieser Gesellschaft. Du bist wichtig!

Wo gibt es Hilfe?

  • Die Aktion Freunde fürs Leben - die besonders junge Menschen anspricht - mit Depressiontest, vielen Infos, Videos...
  • Bei Telefonseelsorge hören Ihnen ausgebildete Ehrenamtliche rund um die Uhr zu: 0800 111 0 111. Kostenlos. Es gibt nach Anmeldung auch Hilfe über E-Mail und Chat.
  • Ihr Hausarzt ist Ansprechpartner auch für die seelischen Nöte, er kann helfen, psychotherapeutische Hilfe zu finden, die von der Krankenkasse übernommen wird.
  • Im Notfall: Der psychiatrische Dienst in Krankenhäusern hilft in der Regel rund um die Uhr weiter oder spezialisierte Kliniken für Psychosomatik und Psychiatrie. Tasche packen. Hinfahren oder je nach Gemütszustand per Taxi hinfahren lassen. Sagen, was Sache ist und dir helfen lassen. (App zur Kliniksuche - Im Internet medführer.de)
  • Wenn du Suizidgedanken von dir kennst und es dir gerade gut geht: Finde für einen nächsten Notfall heraus, welches die für dich beste Klinik in deiner Nähe ist, die 24 Stunden geöffnet hat und finde raus, wie du dort hinkommst. Alleine das beruhigt schon. Halte diese Adresse im Hinterkopf. Dort gehst du einfach hin, wenn es nicht mehr geht. Leg dir auch Telefonnummern für den Fall der Fälle zurecht: Gute Freunde, die dir zuhören und beistehen. Wenn du lieber Anonymität willst, hier die Nummer der Telefonseelsorge: 0800 111 0 111. Einfach wählen und dir die Last von der Seele quatschen. Es gibt auch Selbsthilfegruppen, die man persönlich besuchen kann oder an ihnen im Internet anonym teilnehmen. Begibt dich einfach auf die Suche im Internet: Thema eingeben (z.B. Depression, Ängste, Alkohol...) und das Wort Selbsthilfegruppe. Es tut so gut, auf Gleichgesinnte zu treffen und sich so Erleichterung zu verschaffen. Wenn der Notfall da ist und kein Mensch, keine Hilfe, die dir einfällt: Ruf die Polizei an 110. Sie ist für dich da und bringt dich in Sicherheit.
  • Liste von Hilfsstellen suizidprophylaxe.de - auch nach Bundesländern sortiert
  • Broschüren vom Nationalen Suizid Präventionsprogramm (z.B. für alte und für junge Menschen, Sprotler)
  • Auflistung günstiger therapeutischer Grundeinstellungen im Umgang mit Suizidgefährdeten
  • Netdoktor: Informationen zu Depressionen
  • Psychotherapiesuche: Fragen, Antworten & Suchmaschine für kassenzugelassene Psychotherapeuten
  • Hilfreiche Gedanken rund um das Thema Suizid für Betroffene und Angehörige von Planet Wissen.
  • Meine Gedanken zur Psychtherapie.

Von Herzen - fürs Leben

Ihre Anja Kolberg

Direktlink dieses Artikels, um darauf zu verweisen:
https://www.frauencoaching.de/archives/2014/08/entry_6851.html
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Erstellt durch: Anja Kolberg am Freitag, 15 August, 2014
Thema: Blog - 2014, 2. Halbjahr, Blog - Dunkle Tage
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