Wie perfekt muss ich sein?
Wie muss ich sein, damit ich mich zeige? Muss ich perfekt sein, ohne Fehler, ohne Angriffsfläche? Aber was ist, wenn genau das die Stellen sind, wo das Licht in uns hinein fällt, wo wir nahbar werden, menschlich, liebenswert.
Was, wenn das die Momente sind, wo Verbindung mit anderen entsteht, weil sie sich wiederfinden und spüren: Wow, sie ist da, obwohl nicht alles stimmig ist, obwohl nicht alles blinkt und blitzt? Was ist, wenn wir Menschen die Türe zu unserem Zuhause öffnen, obwohl da noch dreckiges Geschirr rumsteht, obwohl die Fenster nicht geputzt sind und Staubflocken in den Ecken?
Was passiert, wenn ich mich unter Druck setze, erst alles perfekt und glänzend haben zu müssen und dann erst darf ich das Leben reinlassen? Ich verpasse es. Weil ganz ehrlich: Irgend ein Scheiß ist doch immer. Alles hundertmal durchgelesen und dann ist da doch dieser Kommafehler oder die Nacht war durchwacht oder ...
Ich werde nie perfekt sein.
Und weißt du was?
Vielleicht muss ich das auch gar nicht!
Ich sah die Dokumentation über John Farnham, der "You're the voice" gesungen hat. Als das Lied in Deutschland in den Top 10 war, war ich 17. Ich hatte es vergessen und wow, beim Trailer war ich so elektrisiert. Der Film über den australischen Sänger beeindruckte mich sehr. Er hat eine unvergleichliche Stimme, so viel Potenzial und da waren auch Selbstzweifel und Rückzug. Mir hat es gut getan, das zu erfahren. Weil ich mich wiedergefunden habe.
Weil beides gleichzeitig da sein kann:
Perfektion & Unperfektion.
Er rockt die Bühne, singt perfekt, begeistert Menschen und GLEICHZEITIG ist da auch die andere Seite. Das schließt sich nicht aus. Und vielleicht ist seine Stimme so besonders, weil er all das in sich trägt, gleich ob es öffentlich ist oder nicht. Ich glaube, der Schmerz ist in der Stimme hörbar. Da klingt etwas in uns, resoniert in uns und so entstehen heilende Räume: Musik, Texte, Gespräche, Visualisierungen, Berührungen.
Kunst macht vermutlich genau das aus. Die verschiedenen Faßetten unseres Seins zeigen: unaufhaltsame Kraft, Ideenreichtum, Lebendigkeit und Fragen, Nachdenklichkeit...
Ich mag die Serie 'In the Middle' über eine fünfköpfige Famiilie aus Indiana, in der alles schiefgeht, was möglich ist. Sie zu schauen macht mich ganz ruhig, weil ich merke: Wow, was bei denen alles schief geht und sie überstehen es, die Welt geht nicht unter - dann wird auch meine bei Herausforderungen nicht unter gehen.
Das macht mich stärker als jedes perfekte Hochglanzbild - obwohl das auch schön anzuschauen ist, keine Frage. Aber es ist eben nur ein Teil der Wahrheit. Meine Uroma sagte: "Unter jedem Dach ein Ach!" und so ist es doch auch. Ja, wenn ich ein Selfie aus dem Urlaub schicke, dann lächle ich. Ich zeige eher weniger die Sonnenallergie oder eine Kakerlake in der Ecke oder die schlechte Laune, den Stress der Anreise. Warum eigentlich nicht? Weil ich ein tolles Bild nicht zerstören will, weil ich den Fokus auf das Schöne richten will, weil es einfach für eine Zeit richtig gut sein darf. Auch gut!
Wichtig ist nur, dass ich nicht anfange, diese Puzzle als ganzes Bild zu vervollständigen. Also den Gedanken, dass es immer so ist - dass das Leben der anderen nur schön, nur perfekt, nur heile Welt ist. Mag sein, dass es solche Ausruh-Inkarnationen gibt, ich hätte gerne eine, trifft aber nicht mein bisheriges Erleben.
Also Druck raus beim Vergleichen, das Leben der anderen sei perfekt und nur ich hab die A-Karte gezogen. Das Bild der anderen ist nur nicht vollständig. Und das ist ok so. Mein Geist darf aufhören, Illusionen zu bauen vom Leben der anderen.
Ich darf mich ermutigen, auch die schönen Seiten in meinem Leben zu betrachten. Darauf mehr den Fokus zu lenken.
Das alles darf da sein. Und die Welt bleibt bestehen. Erfahrungen, nur Aufmerksamkeit zu bekommen, mich zugehörig und geliebt zu fühlen, wenn ich so bin wie andere mich gut finden, dürfen sich auflösen.
Heute darf ich ganz ich sein. Mit Fehlern. Mit Flecken auf dem Küchenboden. Mit brillianten Ideen. Ich darf hell scheinen und gleichzeitig unperfekt, unvollständig sein.
Genau das macht mich aus. Macht mich liebenswert. Und dich auch.
Love,
Anja
PS: Text in einem Rutsch geschrieben und für gut befunden,
obwohl ich ihn hätte perfekter machen können.
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https://www.frauencoaching.de/archives/2026/08/entry_7248.html
(c)
Anja Kolberg - Köln, anja-kolberg.de
Thema: Blog - 2026, 1. Halbjahr, Blog - Mich selbst annehmen
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