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Was für eine Woche

Ich habe das Gefühl, jeden Tag passiert etwas Neues in meinem Leben. So schnell komme ich gar nicht mit. Manches wird von mir angstoßen, anderes passiert mir.

Montag war ich mit meinem Bruder, der Aufnamen von Mandarinenenten machen wollte, im Kölner Stadtwald. Angenehmes Wetter. Fotographieren. Quatschen. Gucken und in der Natur sitzen. Ein herrlicher Nachmittag.

Das Geschehen in Japan hat mich sehr sensibel werden lassen. So habe ich mich letzte Woche einen Nachmittag hingesetzt und recherchiert, welcher andere Stromanbieter für uns in Frage kommen könnte, der reinen Naturstrom anbietet und auch in neue Anlagen erneuerbare Energien investiert. Unser Strom- und Gasanbieter hat zwar grünen Strom im Sortiment, aber er wird, wenn ich ihn buche, deswegen nicht weniger Atomstrom produzieren, sondern ihn nur anderweitig verkaufen.

Klick zur Seite Atomausstieg selber machen

Auf der Seite Atomausstieg selber machen werden vier deutschlandweit agierende Ökostromanbieter vorgestellt, die sich seit über zehn Jahren für eine Energiewende und gegen Atomstrom einsetzen. Ich habe Preise verglichen, genau nachgefragt, was wir jetzt zahlen und bin wahrhaftig zu dem Ergebnis gekommen, dass es uns nur 10 Euro pro Jahr mehr kostet, wenn wir zu einem reinen Ökostromanbieter gehen. Über die Seite "Stromwechseln hilft" werden 20 Euro für ein gemeinnütziges Projekt, das Sie sich aussuchen können, gespendet. Auch hier handelt es sich um die vier selben Stromanbieter wie auf Atomausstieg-selber-machen. Tolle Idee!

Die Anmeldung beim neuen Anbieter ging ruckzuck, jetzt warten wir auf die Bearbeitung des Antrags. Dann sind wir aus der Atomenergie ausgestiegen und beziehen Strom aus erneuerbaren Energien! Ein Gefühl, das sich kaum in Worte fassen lässt. *Hüpf* Ich hätte nie gedacht, dass es so leicht und schnell geht.

Es ist noch eine andere Sache in Bewegung gekommen, davon möchte ich aber erst schreiben, wenn sie unter Dach und Fach ist.

Seit Freitag Mittag steht unser Auto nicht mehr vor der Türe, sondern in der Werkstatt eines Karrosseriebauers, der die Front repariert. Mir ist körperlich nichts bei dem Unfall passiert. Seelisch habe ich einen dicken Schock davon getragen.

Was passierte? Ich stand an der Ampel, wollte links abbiegen. Die Ampel geht auf grün, ich fuhr langsam los und als ich die Gegenverkehrsfahrbahn überqueren möchte, kommt von rechts ein Auto angeschossen, das bei rot durchgefahren ist. Ich fuhr ihm in die Seite. Gott sei dank blieb auch der Fahrer körperlich unverletzt. Die beiden Pkw-Fahrer neben mir auf dem zweispurigen Abbieger fragten, ob ich unverletzt sei, die Frau rief die Polizei. Ich konnte nur sitzen bleiben und dachte: Das ist jetzt nicht passiert. Die Situation war so irreal. Ich bin dankbar, dass gleich Zeugen zu mir kamen, die bestätigten, dass ich bei grün gefahren bin und der Unfallverursacher bei rot durchgefahren war. Ich bat sie alle, am Unfallort zu warten, um die Aussage bei der Polizei zu machen. Als ich laut grübelte, ob wir die riesige Kreuzung mitten in der Kölner Innenstadt nicht frei machen sollten, beruhigten sie mich, dass wir genau so stehen bleiben sollten, bis der Unfall aufgenommen sei. Ich könnte eh nicht mehr fahren.

Es gab keine Diskussion zwischen uns beiden Fahrern. Der andere Autofahrer sagte gleich, dass er geträumt hatte und bei rot durchgefahren war. Er hätte einen sehr stressigen Tag gehabt. Um uns herum hupen und unzählige kleine und große Wagen und quetschen sich an uns vorbei. Zehn endlose Minuten, bis die Polizei kommt. Ich war wohl schrecklich weiß im Gesicht, wie die Zeugin mir sagte, als ich versuchte, auszusteigen, merkte ich schon bald, wie mir die Beine wegsackten. Also wieder hinsetzen. "Wenn Sie nach Hause kommen, trinken Sie erst mal einen Schnaps", sagte sie zu mir. Das heiterte mich auf. Der Unfallverursacher kam zu meinem Auto und entschuldigte sich.

Die Polizei kam, die Zeugenaussagen wurden aufgenommen, so konnte ein Teil der Kreuzung wieder frei gemacht und Abschleppwagen für uns bestellt werden. Inzwischen war mein Mann mit seinem Vater eingetroffen, die beiden gaben mir ein Stück Sicherheit. Dann wurden unsere die Daten aufgenommen und ich erhielt vom Unfallverursacher die Versicherungsdaten. Ich war kaum in der Lage, klar zu denken, suchte ständig irgend etwas in meinen Taschen. Ich hatte erst auf Hinweis eines Passanten die Warnblinkanlage angemacht und als ich das Warndreieck aus dem Kofferraum holen wollte, kam auch schon die Polizei. Ein Zeuge meinte, das Blaulicht würde sicherlich reichen.

Mit der Polizei warteten wir eine halbe Ewigkeit auf die Abschleppwagen, an ein Fahren war nicht zu denken, die Stoßstange war herunter geklappt, die Reifen nicht frei, ich konnte gerade ein Stückchen rückwärts fahren, damit der andere Pkw abgeschleppt werden konnte, so waren wir ineinander verkeilt. Endlich war auch mein gelber Engel da, ich wurde vorsorglich informiert, wenn ich nicht Mitglied sei, müsste er die Abschleppgebühr nach der Fahrt gleich kassieren, egal ob ich am Unfall schuld sei oder nicht. Mein Mann hatte die Adresse der Karrosseriewerkstatt dabei, in der wir letzten Jahr schon zweimal immer wegen eines nicht selbst verursachten Schadens waren. Ich fuhr mit dem Abschleppwagen mit und der Fahrer versorgte mich mit wichtigen Informationen. Die Abschleppgebühr - etwas über 100 Euro - müsse ich allerdings in bar bezahlen. Ich hatte so viel Bargeld nicht dabei und bat ihn, dass wir dann auf dem Weg an einem Geldautomaten halten müssten, doch er sah gleich eine andere Lösung: Die Werkstatt geht vielleicht in Vorleistung, so war es auch. Auf einen mir zustehenden Leihwagen verzichtete ich. Als die Werstatt bei der gegnerischen Versicherung anrief, war dort auch schon der Schaden gemeldet. In Ruhe schaute ich mir unser verletztes Auto an. Mein Schwiegervater nahm mich mit nach Hause, wo der Unfallverursacher schon auf meinen Anrufbeantworter gesprochen hatte, dass er den Schaden gemeldet habe und er entschuldigte sich nochmal für die Unannehmlichkeiten. Sein Verhalten machte den Unfall für mich nur noch halb so schlimm.

Lange und heiß habe ich mich geduscht. Derweil kochte mein Mann Tee und brachte zwei Nussecken mit ins Wohnzimmer, das durch den Kaminofen muckelig warm war. Gott sei dank war noch ein Leihfilm da. "Verlobung auf Umwegen" verschaffte mir erst mal Ablenkung. Als ich abends ins Bett ging, kamen immer wieder Unfallsequenzen hoch, ich malte mir aus, was passiert wäre, wenn ich schneller gewesen wäre und er hätte mich in der Seite erwischt oder wenn unser Hund dabei gewesen wäre... Und warum war ich so unaktiv gewesen? Ich, die doch sonst so aktiv ist und sich kümmert? Die Gedanken ließen sich nicht stoppen. Tränen liefen unentwegt, ich konnte mich gar nicht beruhigen. Also wieder runter auf die Couch, Pastewka gucken. Das würde mich sicherlich ablenken und aufheitern. Irrtum. Das Gedankenkarussell ging weiter, die Tränen liefen. Dann fiel mir eine Augenbewegung ein, die rechte und linke Gehirnhälfte miteinander verbindet und die man nachts beim Träumen macht. Damit werden die Geschehnisse verarbeitet. Das Wissen wandte ich an und merkte, wie eine Last von meinen Schultern viel, ich tief einatmete und sehr müde wurde. Pastewka habe ich glatt verpasst, dafür habe ich bis morgens durchgeschlafen.

Jedes mal, wenn wieder Erlebnisse hochkommen, wende ich diese Augenbewegungen von links nach rechts an. (Methode aus der Traumabehandlung, EMDR) Aber ein Bild bekomme ich nicht aus dem Kopf: Die freie Fahrbahn und auf einmal dieses Auto von rechts und dann der Zusammenstoß. Vielleicht bleibt dieses Bild auch in meinem Kopf. Es löst aber im Moment keine starken Gefühle mehr aus.

Am nächsten Tag. Die Frage nach dem Warum. Warum passiert mir das? Mein Bruder machte mich darauf aufmerksam, dass ich vielleicht etwas aus der Situation lernen sollte. Ja, aber was? Ich hatte loslassen müssen, weil ich so geschockt war. Und obwohl ich selbst nicht aktiv war, war so viel Hilfe da: Kurz nach dem Zusammenprall hielt ein Krankenwagen, der Fahrer erkundigte sich, ob wir Hilfe brauchen. Die Zeugen, die die Polizei riefen und bestätigten wie der Unfall zustande gekommen war. Der Unfallverursacher, der seine Schuld eingestand und mir damit die Last einer Auseinandersetzung nahm. Der Abschlepper, der so freundlich war. Der Polizist, der mir so viel Ruhe und Sicherheit gab. Die Werkstatt, die sich kümmerte. Mein Mann und sein Vater, die zu mir kamen. Mein Mann, der abends veganen Milchreis kochte und den Hund alleine versorgte. Da war so viel Hilfe und Menschen, die sich kümmerten, weil ich losließ. Ja, das habe ich durch diese Situation erfahren. Und das ist - bei all dem unangenehmen, was so ein Unfall mit sich bringt - ein gutes Gefühl.

Jetzt muss ich mal tief durchatmen.

Ich möchte noch andere Dinge schreiben, aber jetzt mache ich erst mal eine Pause. Es ist Zeit, mit unserem Hund spazieren zu gehen. Die Sonne scheint: Heute früh um halb fünf, als ich sie kurz in den Garten lies, sangen die Vögel ein wunderbares Konzert. Das Leben ist schön. Und bunt. Und lebenswert.

Ich bin beschützt.

Ganz herzliche Grüße aus Köln

Anja Kolberg

Link zu diesem Artikel https://www.frauencoaching.de/archives/2011/03/entry_6664.html

Erstellt durch: Anja Kolberg am Mittwoch, 23 März, 2011
Thema: Blog - 2011, 1. Halbjahr, Blog - Loslassen
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