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Mittwoch, 12 Dezember, 2012

Psychologie: Hilfe für die Seele. Ende mit dem Tabu.

"Was bedeutet es eigentlich, 'verrückt' zu sein? Und was ist normal? Wieso wird jemand gegen seinen Willen eingewiesen?" Diese Fragen haben mich zu Beginn meiner Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie interessiert. Ich habe während dieses Jahres Antworten bekommen, Vorurteile abgebaut, Verständnis entwickelt, noch mehr Mitgefühl und eine Offenheit, die mir kostbar ist.

Ich möchte mit diesem Beitrag nicht sagen, dass in Psychiatrie und Psychotherapie alles in Ordnung ist. Es gibt dort wie in jedem Bereich Licht und Schatten. Mir ist es wichtig, das Tabu zum Bröckeln zu bringen, das Menschen abstempelt, die seelische Unterstützung brauchen und sich auch holen. Es wäre so schön, wenn es zur Selbstverständlichkeit wird, die Seele behandeln zu lassen. Damit viel mehr Licht in den Schatten des psychischen Leids kommt, an dem nicht nur der Betroffene selbst leidet, sondern auch sein Umfeld.

Ich kannte aus Filmen vor allen Dingen Abschreckendes aus dem Bereich der Psychiatrie - wie gegen den Willen durchgeführte Elektrokrampfbehandlungen oder Menschen, die schreiend in Zwangsjacken gesteckt und abgeführt wurden oder aus Krimis Menschen, die unterschiedliche Persönlichkeiten haben (erstaunlich, welch geringe Rolle die Multiple Persönlichkeit nur in der Prüfungsvorbereitung spielte und wie überpräsent sie in Filmen dargestellt wird...).

Zwei Beispiele für Vorurteile, die ich für mich lösen konnte:

Vorurteil 1: Wer in der Psychiatrie ist, bekommt gegen seinen Willen Elektrokrampfbehandlungen. Das hat mit der Realität wenig zu tun. Die heutige Elektrokrampfbehandlung (EKT) hat nichts mit den Zwangsbehandlungen zu tun, die in Filmen gezeigt wurden. Die EKT wird heute - nur MIT Einverständnis des Patienten - zum Beispiel bei schweren, therapieresistenten Depressionen mit Erfolg eingesetzt. Die Patienten bekommen zuvor ein Mittel, dass die Muskeln entspannt und sie wird unter Narkose durchgeführt. Erschreckend wie unterschiedlich Wirklichkeit und Fiktion sind - das tragische: Es werden Ängste ausgelöst, die gar nicht sein müssen. (Weitere Info: Stellungnahme der Bundesärztekammer zur EKT als PDF)

Vorurteil 2: Benimmt man sich außerhalb der Norm oder äußert Suizidgedanken, besteht die Gefahr, zwangseingewiesen zu werden. Das passiert nicht so leicht, es müssten bestimmte Kriterien dafür vorliegen. Geregelt ist die Zwangseinweisung im Psychisch-Kranken-Gesetz (kurz PsychKG), das für jedes Bundesland etwas anders ausgeführt ist. Einen Überblick und Links zu den einzelnen Landesgesetzen gibt Wikipedia. Hier was ich gelernt habe (Nordrhein-Westfalen), mit meinen Worten wiedergeben und ohne Anspruch an Rechtsgültigkeit:

Für eine Zwangseinweisung muss eine unmittelbar bevorstehende Selbst- oder Fremdgefährdung aufgrund einer psychischen Erkrankung vorliegen, die nicht anders abgewendet werden kann. Eine unmittelbar bevorstehende Selbstgefährdung ist beispielsweise, wenn jemand sagt: "Ich will nicht mehr leben und bringe mich jetzt um." Er kann und will sich von diesem Vorhaben nicht mehr distanzieren. Fremdgefährdung ist, wenn jemand einer anderen Person etwas antun will. Hintergrund: Es gibt Situationen und Störungen, die die eigene Steuerungs- und Handlungsfähigkeit beeinflussen und zu Gewalttaten - auch gegen sich selbst - führen können. Deswegen ist der Arzt, Therapeut verpflichtet, den Betroffenen auch gegen seinen Willen in eine psychiatrische Klinik einzuweisen - zum Schutz des Patienten. Eben weil er sich nicht mehr selbst helfen und schützen kann.

Doch auch bei Vorliegen dieser Kriterien müssen weitere Voraussetzungen erfüllt werden: Es muss ein psychiatrisches Gutachten erstellt werden, ein Antrag beim Vormundschaftsgericht gestellt und ein Richter muss der Zwangseinweisung zustimmen. Liegt der richterliche Beschluss nicht bis zum Ende des auf die Zwangseinweisung folgenden Tages vor, muss der Patient wieder aus der Klinik entlassen werden.

Also so schnell wird man nicht eingewiesen. Auch die fehlende Bereitschaft, sich behandeln zu lassen, reicht alleine nicht zur Zwangseinweisung. Solange man einem anderen oder sich selbst akut nichts antun will oder gefährdet, passiert einem nichts. :o) Übrigens gehört es zur Sorgfaltspflicht, Betroffene vor einer Zwangseinweisung darüber aufzuklären, sich auch freiwillig einweisen lassen zu können. Der große Unterschied: Nicht das Gericht entscheidet dann über die Entlassung, sondern der Betroffene selbst. Und noch eine Information, die ich in dem Zusammenhang wichtig fand: Man kann nicht gezwungen werden, Medikamente einzunehmen. Nur bei Gefahr im Verzug (zum Beispiel starke Erregung, jemand schlägt um sich und gefährdet sich oder andere) ist die Behandlung ohne Einwilligung möglich.

[Wer Anmerkungen oder Korrekturen zu den genannten Informationen hat, ist herzlich eingeladen, mir zu schreiben.]

Mir ist auch klar geworden, warum Psychotherapie oder Psychatrie so ein Tabu in Deutschland ist: Im zweiten Weltkrieg wurden psychisch Kranke und geistig Behinderte inhaftiert, zwangssterilisiert, ausgehungert und über 150.000 von ihnen ermordet! Als ich das in einem Fachbuch las, machte mich das betroffen und traurig.

Solche Erfahrungen sitzen wie ein Albtraum in den Erinnerungen von Generationen fest. Auch in den Jahrhunderten davor wurden an Geist und Seele Erkrankte von der Gesellschaft ausgegrenzt. Kein Wunder, dass der Besuch beim Therapeuten oder beim Psychiater für viele ein Tabu ist, dessen Möglichkeit weit von sich gewiesen wird. Ich verstehe das Verhalten seit dem. Das Gute: Man kann seine Meinung und Einstellung ändern. Jederzeit - nur ein Gedanke entfernt. Erst seit 1970 sind psychische Krankheiten übrigens als eigenständige Krankheiten anerkannt.

2012 ist es mehr als an der Zeit, das Tabu rund um die Seelenheilkunde (=Psychiatrie) und Seelenpflege (=Psychotherapie) aufzulösen und das Stigma zu beenden.

Es sollte eine liebevolle Selbstverständlichkeit sein, die Seele zu pflegen und behandeln zu lassen. Genau wie es jeder mit seinen Haaren, seiner Haut, einem Schnupfen und bei einem Herzinfarkt macht. Auch die Seele kann einen Infarkt bekommen, es kann einen Schnupfen im Kopf geben, die Haut der Seele kann nach Belastungen sehr dünn werden. Das ist nichts verrücktes, sondern eine normale Reaktion. Und auch dafür gibt es Hilfe - wie für einen Schnupfen in der Nase.

Die Abwertung seelischer Hilfe forciert, dass sich Menschen nicht trauen, diese in Anspruch zu nehmen. Sie bleiben mit ihren Sorgen alleine, was ihnen nicht hilft, ihr Leid zu überwinden. Auch deswegen ist es wichtig, dass es zur Normalität wird, sich psychologische Hilfe zu holen und sich behandeln zu lassen.

80% der Menschen mit einer Depression haben schon mal daran gedacht, nicht mehr leben zu wollen - die meisten Menschen denken das im Laufe ihres Lebens einmal. Wussten Sie, dass die Zahl der Menschen, sich selbst töten (10.021 in 2010) mehr als doppelt so hoch ist wie die Zahl der Verkehrstoten (3.942)? Mich hat diese Tatsache geschockt und traurig gemacht. Das jüngste Alter wurde übrigens mit fünf Jahren angegeben! (Quelle: Statistisches Bundesamt, Todesursachenstatistik)

Wir brauchen Toleranz, Offenheit, ein offenes liebevolles Herz und Ohr, um Menschen zuzuhören, denen es seelisch nicht gut geht oder die fühlen, das Leben macht keinen Sinn mehr. Es gibt dafür Lösungen und seelischer Schmerz verändert sich ebenso wie der körperliche bei einer Operationswunde. Das bleibt nicht ewig so, es wird besser - und dafür gibt es vielfältige Anlaufstellen von Selbsthilfegruppen über Austausch im Netz bis zu den professionenen Helfern in Arztpraxen, von der Krankenkasse finanzierten Therapien, auf Fachgebiete spezialisierte Kliniken, Heilpraktikerinnen und viele weitere.

Manchmal reicht es schon, sich einfach mal auszuquatschen, bei einem Menschen, der einem wirklich zuhört.

Eine direkte und praktische Möglichkeit zum Entlasten der Seele ist zum Beispiel die Telefonseelsorge. Unter ihrer kostenfreien Nummer 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 kann man anonym sein Herz ausschütten - zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Auf der Internetseite 'Freunde fürs Leben', bei der viele Stars mitmachen, gibt es praktische Informationen und kleine Filme rund um Suizidalität und Depressionen. Es gibt viele Menschen, die nicht verurteilen, sondern Verständnis haben und auf Hilfegesuche reagieren und Hoffnung machen.

Ich selbst habe drei Psychotherapien gemacht. Bei der ersten wollte ich ein paar Erinnerungen aus der Vergangenheit besprechen und es wurde zu einer Begleitung während einer intensiven beruflichen Zeit, in der ich so vieles leichter nehmen konnte. Bei der zweiten brauchte ich nach meinem Brustkrebsverdacht Hilfe, diesen Schock zu verdauen und endlich wieder mehr für mich selbst zu tun, statt 'nur' zu arbeiten. Und bei der dritten wollte ich u.a. wissen, warum ich mein Übergewicht brauche und was ich dabei am stärksten lernen durfte, war meinen Körper zu lieben so wie er ist. Ein wundervolles Geschenk. Ich habe von jeder Therapie profitiert und finde diese Hilfe wunderbar.

Der Seele einen Ort geben, wo sie geliebt und angenommen wird und gesund werden kann, das finde ich ein schönes Bild.

Ich habe durch die Ausbildung in den letzten Monaten so viel über mich selbst, meine Seele und ihre unterschiedlichen Facetten kennen gelernt und mich selbst besser begriffen. Da wird es auch noch viel zu begreifen geben, denn jedes neue Wissen ist ein Puzzlestein mehr, zu verstehen warum ich bin wie ich bin. Das ist so spannend und bereichernd.

Keine Therapie war leicht für mich oder ein Zuckerschlecken. Mit seelischem Schmerz in Verbindung kommen, ist anstrengend. Kurzfristig tut das weh, langfristig schafft es Linderung. Das schönste, was ich aus allen Therapien mitgenommen habe, ist mich selbst mehr anzunehmen und zu lieben wie ich bin. Besonders aus der letzten. Das ist keine Erkenntnis, die sich mit einem Pling in den Kopf setzt und ab dann behandle ich mich sehr nett. Es ist eher eine lebenslange Aufgabe, mir selbst so viel Liebe, Verständnis und Aufmerksamkeit zu schenken wie ich anderen Menschen gebe.

Tischkalender 2013 - Ein gutes Leben

Vielleicht bin ich deswegen auf dieser Welt. Vielleicht möchte meine Seele genau das lernen: Mich selbst lieben wie ich bin.

Auf diesem Weg unterstützen mich jeden Monat auch meine Kalender. In 2013 sind deren Titel: 'Ich gehe meinen Weg' und 'Ein gutes Leben'. Das Bild oben stammt aus einem der beiden. Sie können die Kalender hier anschauen und kaufen.

Von Herzen

Anja Kolberg

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Montag, 12 November, 2012

Juchuuuu! Bestanden!

Ich habe letzte Woche Dienstag die Prüfung zur Heilpraktikerin (Psychotherapie) bestanden. *HÜPF*TANZ*SING*SCHREI-LAUT-VOR-GLÜÜÜÜÜÜCK*

Im Dezember 2011 fiel der Entschluss und seit Anfang dieses Jahres habe ich auf dieses Ziel hingearbeitet. Was war das für ein Jahr!

Endlich, nach so vielen durchlernten Sommertagen, Wochenenden, Abendstunden, Fahrten zu Kursen, Lerngruppen, Coachings - und Lernen bei Baulärm teilweise von morgens bis spät ist es endlich vorbei. Was habe ich mich gefreut, als die Psychiaterin nach der Prüfung mein Buch ansprach und ob es ein neues geben würde. Ich fühlte mich so von ihr gesehen. Ein schönes Gefühl und ein Wink hinein in die Zukunft.

Für mich war - trotz allem Lernen - der Gedanke an die mündliche Prüfung ein Gefühl wie auf heißen Sohlen über einen gefrorenen See gehen. Das Bestehen der schriftlichen Prüfung lässt sich einigermaßen einschätzen, weil ich die Prüfungsbögen früherer Jahre durchtesten und so abschätzen konnte, dass ich sie wahrscheinlich bestehe. Die mündliche Prüfung ist nur bis zu einem bestimmten Teil vorhersagbar. Zumindest ist es an 'meinem' Prüfungsort so und ich hatte so viel Verunsicherndes gehört.

Durch all die Kurse und das Lernen habe ich so viel Sand wie möglich versucht auf das glatte Eis zu werfen, um nicht auszurutschen und wiederholen zu müssen.

Im Sommer, als ich nach dem Besuch in Stansted und meiner langwierigen Erkältung vier Wochen einfach nicht mehr ins Lernen fand - da gab ich innerlich auf und sagte: "Ok, dann verschiebst du die Prüfung eben ins Frühjahr oder erlaubst dir durchzufallen, sammelst dadurch Erfahrungen und machst es dann im Frühjahr nochmal. Auch das wird dann seinen Grund haben." Das half und ein paar Tage später war ich endlich wieder offen fürs Lernen ...

Kurz vor der mündlichen, als ich wieder mal Druck verspürte, habe ich meiner kleinen Anja dann versprochen, sie lieb zu haben, egal ob ich durch die Prüfung komme oder nicht. Auch das half.

Irgendwann habe ich mich entschlossen, nicht mehr Sand auf das Eis zu streuen, um nicht auszurutschen, sondern mich meiner Fähigkeiten zu besinnen und dessen, was ich alles gelernt habe, zu vertrauen und Schlittschuhe anzuziehen, um über das Eis zu gleiten.

Mein Verstand war der, der all die Monate zweifelte. Meine innere Stimme versicherte mir von Anfang an, dass ich bestehen würde... Wieder ein Grund, mehr auf meine innere Weisheit zu hören.

Es war wichtig für mich, die bestandene Prüfung am Dienstag zu feiern. Der Abschluss zur Betriebswirtin im Jahr 2000 war im Alltag untergegangen. Meine Prüfung fand in der Nähe des Benrather Schlosses im Süden Düsseldorfs statt.

Ich hatte mir vorgenommen, anschließend durch den Schlosspark bis zum Rhein zu gehen und dort einen dicken Stein ins Wasser plumpsen zu lassen - sinnbildlich für all die Last, die ich durch die letzten Monate getragen habe.

So bin ich nach der Prüfung und nach vielen Hüpf-Telefonaten mit meinen Daumendrückern bei strahlend blauem Himmel mit meiner Kamera durch den Schlosspark bis zum Rhein gelaufen. Meine Freude musste ich einfach teilen, so habe ich wildfremden Menschen erzählt, dass ich die Prüfung bestanden habe. War das ein Spaß, ein älteres Pärchen meinte spontan, nachdem sie mir gratuliert hatten, ich könne gleich bei ihnen anfangen. :o)

Am Rheinufer habe ich mir dann einen Stein ausgesucht, ein Stück getragen und dann in hohem Bogen in diesen kräftigen Strom geschmissen. Komisches Gefühl - er war leichter als ich mir das all die Monate vorgestellt hatte. :o)

Ich fragte zwei nette Frauen, die mir mit ihrem Hund entgegen kamen, ob sie mich fotographieren könnten, ich wollte den besonderen Moment festhalten. Sie erkundigten sich, was es zu feiern gab, gratulierten und eine der beiden ergriff die Kamera, sie fotographiere so gerne und wir drei hatten unseren Spaß dabei.

Eine ältere Dame meinte, ich müsse mir jetzt was gönnen und noch im Schlosscafé einkehren. Genau nach so etwas hatte ich gesucht. Das war dann mein Abschluss in Düsseldorf: In einem unfassbar schönen Café eine köstliche Schokotorte zu einer Tasse Kaffee diesen besonderen Moment genießen.

Falls Sie sich jetzt fragen, was ich mit dem neuen Abschluss machen möchte, so habe ich darauf noch keine klare Antwort. Bisher war es wichtig, die Prüfung zu schaffen, ich bin noch gar nicht offen für die Zukunft, obwohl damit natürlich spannende Entwicklungen verbunden sein werden. Darauf freue ich mich. Ich muss die Anstrengungen dieses Jahres jetzt erst mal verdauen...

Seufz. Ich habe es geschafft. Ich habe es geschafft. Ich habe es endlich geschafft.

So langsam setzt sich die Erkenntnis. Ich habe es wirklich geschafft. Bestanden. Juchu!

In einem zweiten Artikel habe ich über meinen Weg zur Prüfung: Verwirrungen durchstehen, Lernen & Vergessen geschrieben.

E-Card

Eine glückliche
Anja Kolberg.
Heilpraktikerin für Psychotherapie :o)

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Der Weg zur Prüfung: Verwirrungen durchstehen, Lernen & Vergessen

Nach dem Entschluss, die Prüfung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie im Herbst 2012 zu absolvieren, stiefelte ich voller Eifer los. Dann begegnete mir einiges, das mich zweifeln lies, ob ich mein Ziel erreichen kann. Und auch das Behalten des Stoffs stellte sich als Herausforderung dar...

Zunächst wurde der für Januar gebuchte Kurs auf März verschoben. Würde damit mein Zeitplan noch klappen? Musste ich mir eine neue Schule suchen? Es gab viele Verunsicherungen, Stopp-Schilder, Myten und Fragezeichen rund um die Prüfung selbst. Ich fand's richtig zäh, an stimmige Informationen ranzukommen. Ein Teil davon steht in diesem Artikel und die hätte ich gerne von Anfang an gewusst. Hätte ich nicht mein Erspartes in die Ausbildung investiert und noch Budget gehabt, wäre ich am liebsten gleich davon gelaufen.

Das Problem: Es gibt keine Ausbildungsverordnung wie zum Beispiel bei den Lehrberufen, an die sich jeder halten kann. Die Gesundheitsämter verschiedener Städte führen die Überprüfungen durch (mit zum Teil zwei Jahre langen Wartelisten auf einen Termin). Es gibt eine schritliche Prüfung, die bis auf wenige Ausnahmen deutschlandweit gleich ist und eine mündliche Prüfung, deren Ablauf in jedem Gesundheitsamt anders ist.

Man muss sich auf das verlassen, was die Schulen unterrichten. Die bauen auf Erfahrungen auf, aber keiner kann verständlicherweise garantieren, das man mit dem erlernten Wissen in der mündlichen durchkommt. Weil in der mündlichen auch nicht bezifferbare Faktoren eine Rolle spielen oder je nach Ort bestimmte Schwerpunkte gesetzt werden oder auch unterschiedliche Anforderungen an Therapiemethoden gestellt werden. Von manchen Prüfungsorten gibt es Protokolle von Absolventen im Internet zu finden, so kann man ein Gefühl für das spezielle Gesundheitsamt bekommen.

Von meinem Prüfungsort gab es leider kaum ein Protokoll im Netz, deswegen habe ich mir zusätzliche Hilfe geholt, um mich möglichst abzusichern. Ich habe viel recherchiert, Menschen angesprochen, ob sie mir helfen können, Menschen gefunden, die mir Mut machten, mich selbst immer wieder motiviert, wenn es mal sehr schwer war. Schrittchen für Schrittchen fand sich mein Weg zusammen. Es hat mich gerade am Anfang viel Kraft und Zeit gekostet, bis ich die richtigen und verlässlichen Informationen hatte und die Ahnung: Es ist möglich, dass ich es im Herbst schaffen kann.

Jetzt gerade spüre ich, wie stolz ich bin, dass ich es 'trotz allem' geschafft hab und am Ball geblieben bin. Rückblickend waren alle Blockaden hilfreich, denn sie haben mich angespornt, mich von vielen Seiten mit der Materie zu beschäftigen. Ich bin lange nicht so viel beruflich durch die Gegend gefahren wie in diesem Jahr, auch das hatte eine gute Wirkung.

Jetzt ahnen Sie, warum ich so selten gebloggt habe. Ich habe nur einmal im Frühjahr über mein großes Prüfungsprojekt in diesem Jahr hier geschrieben, den Artikel später wieder rausgenommen, weil ich merkte: Ich setze mich damit unter Druck und zerstreue meine Energie. Also Tunnelblick auf die Prüfung und volle Kraft voraus. :o)

Ich besuchte zwei Prüfungsvorbereitungskurse, auch einen am Prüfungsort um möglichst viel Sicherheit zu bekommen. Dazu wälzte ich verschiedene Fachbücher, manche gespickt mit so vielen Fachwörten, dass ich dachte, ich lerne eine neue Sprache.

Es reicht nicht, den Stoff aufzunehmen. Ich muss ihn auch wirklich verinnerlichen und verstehen. Und der entscheidende - und längste - Schritt: Das einmal Verstandene auch noch nach Monaten erinnern und mündlich wiedergegeben können. P U H !

Beim Lernen habe ich erfahren, was es bedeutet, keine 19 mehr zu sein wie beim Abschluss meiner Lehre oder 30 wie bei dem Abendstudium zur Betriebswirtin. Das Wissen, zugegeben oft schwere Kost, wollte nicht ohne weiteres bei mir bleiben - obwohl ich es interessant fand.

Fürs Studium hatte ich ein Buch übers Lernen gelesen und bin damit ziemlich gut gefahren. So las ich im März zur Auffrischung einen aktuellen Artikel über effektives Lernen. Darin berichtete der Autor (ein Student) von einer mutigen Frau, die in ihrem 'hohen Alter' noch mal was neues lernen wollte. Die Frau war 35. :o) Mit 7 Jahren mehr auf dem Konto fand ich das vergnüglich. Wie unterschiedlich Menschen ein 'hohes' Alter beziffern...

Es reichte nicht, nur im Unterricht zu sitzen und zuzuhören. Es war so unglaublich viel Stoff. Wie sollte ich das alles behalten? Wer Vorwissen hat, kann das neue Wissen einfacher mit dem bestehenden vernetzen. Es ist dann, als gebe es im Gehirn schon eine Kommode mit vielen Fächern, die dann durchgeschaut, aufgestockt, neu gefüllt oder auch nur abgestaubt werden können. Als Betriebswirtin hatte ich bisher nichts mit den Prüfungsthemen zu tun, da musste erst mal eine Kommode her...

Zudem verfüge ich weder über ein fotographisches Gedächtnis, noch gehöre ich zu den Menschen, die einmal Gehörtes nie wieder vergessen. Ein gelesener Text ist bei mir - flutsch - ziemlich schnell wieder weg. Gehörtes behalte ich nur dann, wenn es markante Beispiele sind. Oben auf der Grafik steht, was man von dem Stoff behält, je nach dem wie man ihn aufnimmt. Im Unterricht ging es in erster Linie über den Kanal hören & anhand von Beispielen verstehen. Da das Gehörte aber ruckzuck wieder weg war, musste ich einiges tun, um das Skript für mich zum Leben zu bringen, es verinnerlichen zu können. Ich hatte zwar kein Vorwissen im Gepäck, aber etwas ähnlich Wertvolles: Meine Begeisterung, eine große Neugier auf das Thema und ein klares Ziel vor Augen: Die Prüfung im Herbst 2012.

Bilder behalte ich länger, so habe ich mir die einzelnen Störungsbilder mit Mindmaps (Gedankenkarten) aufbereitet, sie an die Wand gehängt (weil ich sie nicht gleich wiederholt hatte, manche gleich wieder vergessen und nach ein paar Wochen erstaunt festgestellt, was ich schon gemacht hatte...), merkwürdige Merksätze erfunden (die x mal wiederholt, mir gut im Gedächtnis bleiben) oder Zeichnungen angefertigt, die ich mir mit der Memotechnik merkte ... und zwischendurch meinem Gedächtnis für seine tolle Leistung gedankt.

Besonders gut behalten habe ich Themen, die ich mir selbst erarbeitet habe. Zum Beispiel in den Osterferien, wir hatten kurz zuvor Schizophrenie im Unterricht durchgenommen, aber noch nicht die Medikamente zu deren Behandlung, weil sie erst zum Schluss des Kurses auf dem Plan standen. Ich wollte das Bild für mich komplett machen und so habe ich mich unabhängig vom Lehrplan bereits mit den Medikamenten für Psychosen beschäftigt. Den Stoff habe intensiv durchgearbeitet, in verschiedenen Büchern darüber gelesen, wichtiges rausgeschrieben und Zusammenhänge erkannt. Das erarbeitete Wissen habe ich gleich angefangen zu wiederholen und später realisiert, dass ich für die Prüfung zuviel wusste. :o) Das finde ich aber nicht schlimm, es fühlt sich an wie eine gut sortierte Schublade in meinem Gedächtnis, in der ich mich gut auskenne. Aufgrund fehlender Leitlinien ist es schwer, das richtige Maß zu finden: Wieviel Stoff muss ich wie sehr ins Detail wissen, um die Prüfung zu bestehen?

Den Stoff habe ich mit der Zettelkasten-Methode und Karteikärtchen wiederholt. Die Kärtchen wurden von Woche zu Woche mehr. Auf dem Bild mein selbstgebastelter Kasten nach der Prüfung.

Laut dem Studenten würde es reichen, wenn man die Antwort eines Kärtchens fünf mal gewusst hat, dann könne man sie getreu zur Seite legen. Irgendwann habe ich angefangen, Daten auf die Kärtchen zu schreiben. Dabei stellte ich fest wie oft ich die Kärtchen wiederholen musste, damit sie endlich sicher im Kopf waren, es waren weit mehr als fünf mal und ich konnte sie auch nicht irgendwann beiseite legen, ich musste sie in Abständen von einigen Wochen erneut wiederholen, brauchte dafür wohl weniger Zeit. Neu aufgenommenen Stoff musste ich sofort wiederholen, sonst war er wieder futsch und ich konnte ihn nochmal neu durcharbeiten.
Bin ich froh, dass es nicht nur mir alleine so ging. Und ich bin mir sicher, ich habe jetzt, einige Tage nach der Prüfung - und obwohl ich langfristig gelernt habe - einen Haufen Details vergessen. (Aber die Medikamente für Psychosen, die habe ich immer noch greifbar...)
Vergessen ist normal und mit vielen Dingen so. Was ich vor einigen Jahren mal täglich brauchte und aus dem FF konnte wie Zahlenkombinationen oder Arbeitsvorgänge, die weiß ich heute nicht mehr. Eine gesunde Vorratshaltung des Gehirns. Ungenutztes wird irgendwann entsorgt. :o)

Zweifel, ob ich die Prüfung im Herbst schaffe, waren bis zum Schluss meine Begleiter. Obwohl ich über viel praktische Erfahrung im Coaching verfüge und dabei verschiedene Methoden der Gesprächsführung, die auch im therapeutischen Prozess genutzt werden, in all den Jahren gelernt und angewandt habe. Es war eben viel unbekannte Theorie zu lernen und wer die schriftliche Prüfung bestanden hat, besteht noch lange nicht die mündliche Prüfung...

Ich hatte - wie jeder wohl - wenig Lust, die Prüfung nach einem halben Jahr wiederholen zu müssen. Den Druck, den ich mir gemacht habe, schwächte ich weitmöglich ab: "Ich versuche es auf jeden Fall. Sollte ich durch die Prüfung fallen, mache ich es eben noch mal. Ich habe dann zwar 500 € Prüfungsgebühr investiert, dafür sicherlich wertvolle Erfahrungen gesammelt, die mir für die nächste Prüfung helfen werden."

Was für Wissen man für die Überprüfung können muss? Ein kleiner Ausschnitt:

  • Rechtliches. Was darf ich, was nicht? Wo sind meine Grenzen, wann sind speziell ausbebildete Therapeuten wichtig und wann ärztliche Begleitung? Wie gehe ich in einem Notfall vor? Was ist Betreuung?
  • Was kann alles an psychischen Symptomen auftreten? Zum Beispiel können die Gefühle beeinflusst sein - depressive Stimmung oder Hochstimmung, gar keine Gefühle mehr spüren oder nur noch ganz wenige. Oder die Energie und der Tatendrang können verändert sein von viel bis gar nichts mehr. Auch das Denken kann verändert sein, zum Beispiel langsamer oder schneller...
  • Bei welchen Störungsbildern (=Krankheiten) tauchen welche Symptome auf? Wie zeigt sich die Krankheit? Wie erkenne ich sie? Wie entsteht sie? Wie viele Menschen sind davon betroffen? Wie werden die Symptome am besten behandelt? Beispiele für Störungsbilder: Demenz, Delirium, Depression, Anorexie, Hypochondrische Störung, Generalisierte Angsterkrankung, Borderline Persönlichkeitsstörung, ADHS...
  • Welche Therapieverfahren sind am wirksamsten? Was sind die wichtigsten Medikamente und welche erwünschten und unerwünschten Wirkungen haben sie? Wann sind Medikamente zur Behandlung wichtig (= Fachgebiet Arzt)? Welche körperlichen Erkrankungen und Medikamente können zum Beispiel depressive Symptome auslösen?

Ich saugte das Wissen neugierig auf. Spannend wurde es, als sich zum Schluss alles zusammenfügte und miteinander verknüpft werden konnte. Ein großer Teil des Wissens ist so interessant und so nah am Menschen und am täglichen Leben, dass ich zwischendurch immer wieder dachte: Warum weiß das 'keiner'? Das ist so wichtig, es müsste in der Schule unterrichtet werden, ein selbstverständlicher Bestandteil des Allgemeinwissens werden.

Noch für keine Prüfung oder keinen Abschluss habe ich so intensiv gelernt wie für diese hier. Mein Respekt vor dem 'kleinen' Heilpraktiker - eingeschränkt auf Psychotherapie - den ich absolviert habe und erst recht vor dem 'großen' Heilpraktiker, der den ganzen Körper behandeln darf (den habe ich nicht gemacht) ist enorm gestiegen. Unfassbar, was man zu einem bestimmten Zeitpunkt für ein Wissen abrufen muss!

Seufz. Ich kann noch gar nicht glauben, dass ich es endlich geschafft habe. Vor ein paar Wochen habe ich mir geschworen, meinen Zettelkasten rituell zu verbrennen, mit dem ich all die Monate gelernt habe und der stetig umfangreicher wurde. Die Vorstellung hat mir vor Wochen geholfen, weil ich all die Fragen nicht mehr sehen konnte. Das Wissen kam mir an den Ohren raus.

Nach der bestandenen Prüfung meinte mein Mann, jetzt könne ich den Kasten ja verbrennen. Und da merkte ich: Das will ich gar nicht mehr. Er ist mir so ans Herz gewachsen. :o) Da steckt Wissen drin, das ich aus vielen Büchern, Skripten und Quellen zusammen getragen habe. Nein, es soll bei mir bleiben. *Drück*

Hier können Sie lesen wie ich meine Prüfung gefeiert habe.

Mal sehen, was aus dem in diesem denkwürdigen Jahr 2012 angesammelten Wissen entstehen wird...

Herzlich,

Anja Kolberg

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